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Wie hilft Krisenintervention und Notfallseelsorge?

Die Krisenintervention wird immer dann über die Rettungsleitstelle angefordert, wenn Menschen am Einsatzort, die keine medizinische Versorgung benötigen, psychosoziale Unterstützung brauchen, für die die anwesenden Einsatzkräfte keine Zeit oder keine Kompetenz haben.

Die diensthabenden Ehrenamtlichen erhalten das Meldebild und bereits bekannte Details zum Einsatz. Obwohl sich die Bandbreite der möglichen Meldebilder über fundamental verschiedene Ereignisse erstreckt, haben die Ereignisse aus Sicht der Betroffenen meist eines gemeinsam: Sie sind in ihrer Intensität mit nichts vergleichbar, was die Personen in ihrem Alltag normalerweise erleben und fallen damit gewissermaßen aus ihrer Realität.

Weiterleben mit dem Erlebten

Psychotraumatologisch gesehen soll die PSAH die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Integration des Erlebten in die Biographie der Betroffenen möglich ist.

Andernfalls droht in besonders schweren Fällen eine Traumatisierung durch die Wucht der Eindrücke oder in Trauerfällen eine sogenannte anhaltende oder komplexe Trauerstörung, die sich ebenfalls zeitversetzt manifestiert und im Gegensatz zu akuter Trauer ein Krankheitsbild darstellt.

„Um dem vorzubeugen, ist es notwendig, Erlebnisse, die aufgrund ihrer Einzigartigkeit für die Betroffenen nicht wie sonst üblich im Gedächtnis abgespeichert werden können, in die normale Bibliothek der Erinnerungen zu verfrachten“, sagt Sebastian Hoppe.

Aufräumen

Grob vereinfacht ist das Vorgehen mit einem Aufräumvorgang vergleichbar: Wenn beim Aufräumen der Wohnung plötzlich ein Gegenstand auftaucht, für den kein Fach vorhanden ist, weil ein solcher Gegenstand zuvor noch nie da war und deshalb auch keine Notwendigkeit bestand, ihn zu verstauen, behält man diesen Gegenstand entweder dauerhaft in der Hand, oder man legt ihn übergangsweise an immer neuen Orten ab - an denen er dann immer wieder stört.

Selbst das Ablegen in einer dunklen Ecke funktioniert nur so lange, bis man auch dort darüber stolpert. Mit einem potentiell traumatisierenden Erlebnis oder starker Trauer verhält es sich ähnlich.

Gelingt es Menschen nicht, ihnen einen festen Platz in ihrem Leben respektive Weiterleben zuzuweisen, tauchen sie immer und immer wieder auf. Sie beeinträchtigen die psychische Gesundheit einer Person im schlimmsten Fall sehr erheblich und langfristig.

Schon kleine Impulse hilfreich

In den meisten Fällen, in denen das KIT-München aktiv wird, erweisen sich bereits Präsenz und auf die betreute Person abgestimmte kleine Impulse als hilfreich und ausreichend. Doch nicht immer genügt die in der Regel nur wenige Stunden lange Betreuungsphase durch die Einsatzkräfte.

Aus diesem Grund ist es elementarer Bestandteil von Kriseninterventionsarbeit, über weiterführende Betreuungs- und Nachsorgemöglichkeiten zu informieren sowie gegebenenfalls ausdrücklich zu empfehlen, sie bei Bedarf auch wirklich in Anspruch zu nehmen.

Neben der Wirkung von fachlicher Kompetenz und Erfahrung in der Gesprächsführung auf die betreuten Personen beschreiben Einsatzkräfte immer wieder, dass bereits ihre bloße Anwesenheit einen Effekt hat. Hoppe erinnert sich an einen Einsatz, bei dem ein Mann seine Eltern in medizinisch kritischem Zustand vorgefunden und den Rettungsdienst alarmiert hatte:

„Es waren wahnsinnig viele Rettungskräfte da, viel Polizei, viel Feuerwehr, die nach dem Abtransport der Eltern aber alle binnen Sekunden aus dem Haus verschwanden. Das war dann leer.

Und es herrschte von einem Moment auf den anderen totale Stille. Ein Feuerwehrmann hatte immerhin noch gesagt, in welches Krankenhaus die Eltern gebracht wurden – selbst daran denkt nicht immer jemand. Aber dann fiel die Tür ins Schloss – und der Mann hätte da ohne KIT ganz allein gesessen.“

Bedürfnisse erkennen – und sie erfüllen

Doch Psychosoziale Notfallversorgung erschöpft sich keinesfalls in Anwesenheit und intuitivem Zuspruch, sondern setzt sehr konkret bei den typischen Bedürfnissen von psychisch stark beziehungsweise überbeanspruchten Personen an.

Hierzu hat die Traumaforschung – ein noch sehr junges Gebiet – während der letzten Jahrzehnte die Entwicklung wichtiger Konzepte ermöglicht, die auch für die Krisenintervention Ansatzpunkte liefern.

Ein Trauma entsteht nach der gängigen Definition dort, wo eine Diskrepanz zwischen in irgendeiner Form bedrohlichen Situationsfaktoren (Risikofaktoren) und den eigenen Bewältigungsmöglichkeiten (Schutzfaktoren) besteht. Das heißt: dort, wo das Erlebte mehr ist, als eine Person unter den gegebenen Bedingungen verarbeiten kann.

Starke emotionale Beanspruchung

Dasselbe gilt in abgeschwächter Form für Trauer, die Hinterbliebene zwar selten traumatisiert, sie ohne Unterstützung aber unter Umständen sehr stark psychisch und emotional beansprucht.

Sowohl die Begleitung in einen gesunden Trauerprozess als auch die Trauma-Prävention kann grundsätzlich auf zwei Wegen erfolgen: durch eine Veränderung der Situation an sich (also Reduktion der Risikofaktoren) oder durch die Erarbeitung einer Bewältigungsstrategie (also mehr Schutzfaktoren), so dass die Bewältigungsmöglichkeiten für die Situation wieder ausreichen.

Durch medizinische Versorgung, technische Hilfeleistung oder beispielsweise polizeiliche Ermittlungen lassen sich Situationen oftmals noch ändern und die Dramatik kann reduziert werden (lebensrettende Maßnahmen, Löschen eines Brandes, Fassen eines Täters).

Den Umgang mit dem Schlimmen lernen

Eine äußere Veränderung der Situation in diesem Sinne ist durch die PSAH nicht möglich. Ihre Aufgabe ist es, angesichts einer schlimmen äußeren Realität (z.B. Tod eines geliebten Menschen) für Betroffene da zu sein und den Rahmen für eine möglichst gute Verarbeitung des Geschehenen zu schaffen.

Verarbeitung – ein großes Wort. Denn natürlich dauert echte Verarbeitung lange und kann nicht im Rahmen einer Betreuung durch das Kriseninterventionsteam erfolgen. Aber es können auf Basis aktueller Traumaforschung wichtige Pflöcke eingeschlagen werden, die den Prozess einer gesunden Verarbeitung günstig beeinflussen und im Idealfall Traumafolgestörungen oder etwa pathologischer Trauer vorbeugen.

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Bewältigungsstrategien

Was aber hilft Menschen nun konkret dabei, eine für sie unfassbare Situation zu realisieren und die Basis für einen gesunden Verarbeitungsprozess zu schaffen?

„Den Wunsch der Betroffenen nach Information, einem festen Ansprechpartner und ein bisschen Privatsphäre haben viele unserer Einsätze gemein“, sagt Petra Meßner, langjährige ehrenamtliche Einsatzkraft des KIT-München.

Diese Beobachtung aus dem Einsatzalltag deckt sich mit Forschungsergebnissen des amerikanischen Wissenschaftlers Stevan Hobfoll 2, der mit Fachkolleg*innen im Jahr 2007 aus einer Vielzahl von potentiellen Bewältigungsstrategien fünf Grundbedürfnisse herausarbeitete, an die eine zielführende Betreuung nach extrem belastenden Erlebnissen anknüpfen kann.

1. Gefühl von Sicherheit
Aufsuchen eines sicheren Betreuungsortes (z.B. abseits des großen Einsatzkräfteaufgebots, geschützt vor Schaulustigen und Presse); Vermitteln, dass eine mögliche Gefahr nun vorüber ist und beispielsweise Verletzte die bestmögliche medizinische Versorgung erhalten.

2. Beruhigung
Hierzu gehören maßgeblich das Vermitteln von Informationen über das bisherige und gegenwärtige Geschehen und die nächsten Schritte dazu. Was ist eigentlich genau passiert? Wie geht es jetzt weiter? Warum ermittelt z.B. die Polizei? Was muss nach dem Tod eines Angehörigen alles organisiert werden? Antworten auf solche und ähnliche Fragen sind für Betroffene oftmals von zentraler Bedeutung.

3. Ein Gefühl von Selbst- und kollektiver Wirksamkeit
Gemeint ist das Gefühl, den Alltag mit all seinen Herausforderungen grundsätzlich bewältigen zu können und auf die Geschehnisse einen Einfluss zu haben (Selbstwirksamkeit) sowie die Überzeugung, dass die Welt um uns herum grundsätzlich funktioniert und uns andere Personen nicht ohne Grund feindselig begegnen (kollektive Wirksamkeit).

Wird das Empfinden der Selbst- und/oder kollektiven Wirksamkeit durch die Ereignisse erschüttert, hat das Schaffen eines – auch subjektiv – als sicher empfundenen Raumes oberste Priorität. Denn Dauer und Intensität, über die sich eine Person der bedrohlichen Situation ausgesetzt fühlt, spielen eine große Rolle für das Auftreten und die Ausprägung möglicher psychischer Folgeschäden.

Zudem hat das Sprechen mit der Einsatzkraft an sich einen psychologischen Wert: Wird die Einsatzkraft von Betroffenen als ein ihnen grundsätzlich wohlgesonnenes und vertrauensvolles Gegenüber erlebt, kann dies ein erster Kontrapunkt zur zuvor erlebten unerwarteten Bedrohung sein. Damit wird der vorherigen extrem negativen Erfahrung über die Welt möglichst rasch eine positive Erfahrung entgegengesetzt.

4. Verbundenheit
Typischerweise die Aktivierung des sozialen Netzes, bestehend z.B. aus Verwandten, Freunden, Bekannten, Nachbarn oder anderen Bezugspersonen. Wesentliches Ziel beinahe jedes KIT-Einsatzes ist es, Menschen nach Einsatzende nicht allein zurücklassen zu müssen bzw. zumindest in die Wege geleitet zu haben, dass Betroffene nicht in soziale Isolation zu rutschen drohen.

5. Hoffnung
Entwickeln einer Perspektive, und sei es erst einmal nur für die nächsten Stunden oder wenigen Tage, wie es nun weitergehen kann. Vermitteln, dass die situativ möglicherweise intensiv empfundene Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit der Betroffenen kein unabänderlicher Dauerzustand ist, sondern sich im Laufe der Zeit durchaus verändern und so auch wieder neuer Lebensmut gesammelt werden kann.