Menschen in der Unterkunft

Was bedeutet es, zu fliehen?
Welche Gesichter verbergen sich hinter der Bezeichnung „Geflüchtete“?
Was bedeutet es, als Geflüchteter in Deutschland zu leben?

Trotz Informationsflut durch Print- und Online-Medien bleiben das Thema Flucht und die damit einhergehenden Konsequenzen für viele abstrakt.
Wir möchten hier die Möglichkeit geben, einige der Bewohner näher kennenzulernen, um ihre Fluchtgeschichte und ihre aktuellen Lebensumstände zu verstehen. Jede Geschichte steht für sich und ist genauso individuell wie die Person, die sie erzählt. Unsere Interviews zeigen Menschen, ihre Gedanken und ihre Hoffnung.

Jafar aus Afghanistan:
„Hier gibt es viele Unterschiede. Hier gibt es viele Freiheiten. In meiner Stadt gibt es keine Freiheit.“

Mein Name ist Jafar. Ich bin 26 Jahre alt. Ich komme aus Afghanistan und bin seit fast fünf Jahren in Deutschland. Ich bin bis jetzt zur Schule gegangen und habe meinen Mitteschulabschluss geschafft. Ich bin stolz auf mich, weil ich in meinem Heimatland nicht auf der Schule war. Hier bin ich glücklich und habe viele Freunde gefunden. Ich halte mit vielen Leuten Kontakt, um die Sprache möglichst viel zu sprechen. Damals, als ich neu angekommen bin, war es schwierig, weil wir die Sprache nicht konnten. Wir hatten aber viele Lehrer und Lehrerinnen in unserer Unterkunft, die uns Deutsch beigebracht haben. Das war schön.

Als ich ohne die Sprache zu sprechen ankam, fand ich es komisch in Deutschland. Die Leute schauen einen an, und flüstern „Das ist ein Ausländer“. Wir konnten nichts machen, wir konnten ja die Sprache nicht – und Deutsch ist keine leichte Sprache.

Auch kulturell ist hier vieles anders. Es gibt viele Freiheiten. In meiner Stadt gibt es keine Freiheit. Die Menschen sind anders als in meinem Heimatland. Aber es gibt wie überall bessere und schlechtere - hier und in meiner Heimat.

Ich habe letztes Jahr bei der Tafel angefangen, Lebensmittel zu verteilen und bei Lieferungen mitzufahren. Vorher war ich circa  6,7 Monate selbst jeden Sonntag und am Wochenende da. Ich habe gedacht: Ich frag mal, ob sie eine Beschäftigung für mich haben. Jetzt habe ich einen Vertrag für ein soziales Jahr bekommen.

Mein größter Wunsch für die Zukunft ist es, einen guten Ausbildungsplatz zu finden. Denn ohne Arbeit kann man nicht gut leben, und ohne Ausbildung kann ich hier nicht richtig arbeiten. In meinem Heimatland ist das anders: Dort kann man auch direkt arbeiten.

Meine Hobbies sind Tischtennis spielen, schwimmen, lachen, joggen und Basketball spielen.
Wir haben eine Basketball-Gruppe. Alle darin sind von überall her: Deutschland, Frankreich, Italien. Wir spielen an jedem Wochenende oder machen einfach Picknick und chillen.

Osiita aus Nigeria
„Was ich gefühlt habe, als ich den ersten Tag in Deutschland war? Happiness.“


Ich bin Osiita. Ich komme aus Nigeria.
Ich bin 2015 nach Deutschland gekommen. Momentan mache ich eine Ausbildung zum Fachverkäufer und Konditor. Das ist nicht ganz neu für mich. In Nigeria habe ich das auch schon mal gemacht, weil mein Onkel eine Bäckerei hatte. Damals habe ich gelernt, wie man Teig macht, aber das ist schon lange her - ich war noch klein. Aber ich hatte ein bisschen Erfahrung und Lust, das in Deutschland weiter zu lernen.

Warum ausgerechnet Konditor? Weil der Konditor macht das, was die Leute am liebsten essen. Schwer zu sagen, was ich am liebsten backe. Ich selbst mag gar keine Süßigkeiten (lacht). Ich backe gerne Mischbrot, weil es wie ein afrikanisches Brot ausschaut und schmeckt. Sonst ist das Brot hier anders als in Afrika.

Ich bin nach Deutschland gekommen, weil mein Land nicht mehr so gut funktioniert. Ich habe die Schule abgeschlossen, aber nach der Schule war es schwierig, Arbeit zu finden. Ich komme aus Nord-Nigeria. Wir lebten in Biafra und hatten als Igbos (eine Ethnie in Nigeria) große Probleme.

Ich habe an einem Tag geträumt und mich gefragt: „Was soll ich machen?“ Und dann habe ich gesagt: „Ich gehe weg aus Nigeria.“ Ich habe geträumt, dass ich nach Deutschland fahre - und ich bin nach Deutschland gefahren. Es geht auch hier sehr langsam voran, auch hier ist es nicht leicht. Denn ich bin nicht hier geboren. Deutsch ist eine ganz andere Sprache und schwierig zu lernen.

Leute, die hier nicht geboren sind, brauchen Zeit, um die Sprache gut zu lernen und alles zu verstehen, bevor sie ihre Ausbildung machen. Ich musste meine Ausbildung aber schon währenddessen anfangen, weil ich Schwierigkeiten wegen meiner Aufenthaltserlaubnis hatte. Die Sprache zu lernen, in der Ausbildung zu arbeiten und zu lernen und gleichzeitig noch ständig in der Sorge zu leben, wieder wegzumüssen, erzeugt großen Druck.

Dieser Druck ist schlimm, dieser Druck macht mich kaputt. Ich habe keinen Plan B, wenn ich nicht bleiben darf. Ich will alles für eine gute Zukunft hier tun. Deswegen will ich meine Ausbildung gut schaffen. Wenn das klappt, mache ich meinen Meister, denn dann kann ich vielleicht eine eigene Firma eröffnen. Das ist mein Plan.

Was ich gefühlt habe, als ich den ersten Tag in Deutschland war? Happiness.
Ich war glücklich, dass ich angekommen war. Das war im Oktober. Es waren viele Leute auf der Straße und ich wusste nicht, dass in diesem Monat das Oktoberfest war. Die Leute sahen anders aus mit ihrer Kleidung. Manche waren betrunken, und ich habe den ganzen Tag gelacht. In diesem Moment war ich glücklich.

Fünf Erfolgsgeschichten

Mohammed war bei seiner Flucht aus Syrien erst 15 Jahre alt. Er kam mit 18 aus der Jugendhilfe in die Gemeinschaftsunterkunft, weil er lieber
selbstständig leben wollte. Er verspürte großen Druck aus der Heimat, in Deutschland etwas zustande zu bringen. Er war gut in Mathematik und Physik, aber sehr verlassen, weil er nicht wusste, womit er seine Eltern stolz machen sollte. Er versuchte deshalb viel – und brach viel wieder ab. Nichts passte richtig. Beim ersten Versuch fiel er sogar durch die Prüfung zum qualifizierenden Abschluss der Mittelschule, biss sich aber im zweiten Anlauf durch. Es war die erste Hürde, die er in Deutschland nahm und das erste echte Erfolgserlebnis. Er absolviert eine Ausbildung im Metallgewerbe und ist jetzt im letzten Lehrjahr.

Abdul kam mit einer soliden Grundausbildung aus Afghanistan und wollte eine Ausbildung zum Rechtsanwaltsfachangestellten beginnen. Dafür brauchte er die Mittlere Reife. Er hatte große Schwierigkeiten mit seinem Asylverfahren und damit, überhaupt eine Ausbildung genehmigt zu bekommen. Er begann die Ausbildung schließlich, das Gerichtsdeutsch stellte sich aber als zu kompliziert heraus. Letztendlich hat er einen Weg für sich gefunden, der zu ihm passt: Er startet eine Ausbildung im elektronischen Bereich.

Ali aus Afghanistan begann eine Ausbildung bei einem Heizungsinstallateur. Er war stolz darauf und froh, weil ihm das Ausbildungsverhältnis einen Aufenthalt bis 2022 garantierte. Er bekam viel Anerkennung, war aber todunglücklich, weil die Ausbildung sehr schwer war und er sich in Betrieb und Berufsschule wie ein Fremdkörper fühlte. Er wurde von vielen gelobt, fühlte sich aber nicht zur Gruppe zugehörig. Nach einem halben Jahr gab er auf und verlor jeden Antrieb. Bei einer Initiative für Geflüchtete absolvierte er schließlich ein dreiwöchiges Barista-Training – und wurde direkt übernommen. Seitdem wurde er wiederholt als Mitarbeiter der Woche und des Monats ausgezeichnet. Vor allem hat er aber etwas entdeckt, das er gut kann – und das ihn selbst zufrieden macht.

Mohammed aus Sierra Leone kam mit Anfang 20 nach Deutschland. Er wollte als Lagerist arbeiten und brauchte dafür nicht unbedingt einen Abschluss. Für eine langfristige Perspektive in Deutschland legte er die Prüfung zum qualifizierenden Mittelschulabschluss trotzdem ab und hat mittlerweile seine Ausbildung zum Lageristen abgeschlossen.