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Interview Einsatzbericht

„In der kurzen Zeit, die man da ist, hilft man so wahnsinnig viel.“

Was für Betroffene ein singuläres Ereignis darstellt, ist für die ehrenamtlichen Einsatzkräfte des Krisen-Interventions-Teams Dienstalltag. Warum PSAH mehr als Trost ist und der Bedarf an professioneller Begleitung im privaten Bereich zunimmt.

Das Spektrum der Meldebilder, für die das KIT-München angefordert wird, ist breit. Neben Todesfällen unter besonderen Umständen gehören dazu unter anderem Selbsttötungen, der Tod eines Kindes und das Überbringen von Todesnachrichten an Hinterbliebene in enger Zusammenarbeit mit der Polizei.

Auch Betreuungen nach einer massiven Gewalterfahrung wie Überfall, Mord, Geiselnahme oder nach sexueller Gewalt fallen in seinen Aufgabenbereich, ebenso die Psychosoziale Akutversorgung bei Bränden mit Schwerverletzten oder Toten sowie Evakuierungen.

Ein weiteres Meldebild, das häufig eine Alarmierung der Krisenintervention nach sich zieht, sind schwere Verkehrs-, Schienen- oder Arbeitsunfälle.

Wenn die Einsatzkräfte des KIT-München am Einsatzort eintreffen, haben sie durch das Meldebild zwar eine grobe Orientierung bekommen, was sie erwartet. Die konkrete Situation ergibt sich aber erst vor Ort.

Petra Meßner erinnert sich an einen sehr eindrücklichen Einsatz:

„Ich habe in über 20 Jahren beim KIT relativ viel erlebt. Den klassischen Einsatz gibt es nicht; jede Situation und jeder Mensch ist anders. Sehr einprägsam war für mich der erste Einsatz, den ich alleine gemacht habe. Es war nachts halb eins. Ich bin in einem Restaurant angekommen, in dem 50 Leute waren. Der Jubilar, der 50 Jahre alt geworden ist, ist bei einem Tanz mit seiner Ehefrau plötzlich tot umgefallen.

Mir war gleich klar, dass ich das nicht alleine stemmen kann. Ich habe sofort Kollegen nachgefordert, die sich auf kleinere Gruppen verteilt haben. Mein Augenmerk lag auf der Tochter, die Anfang 20 war. Sie saß an eine Wand gelehnt, während von oben der Notarzt, der Pfarrer und die Polizei gleichzeitig auf sie einredeten.

Die standen um sie herum, weil sie neben ihrem Vater saß und ihn nicht loslassen wollte. Es müsse weitergehen, haben sie gesagt, und ich habe mich einfach neben sie hingesetzt und nichts gemacht.

Oft braucht es nicht viel

Irgendwann hat sie mich angeschaut, und dann habe ich gesagt: „Mein Gott, das ist schon schwer.“ So sind wir ins Gespräch gekommen. Im Verlauf dieses Gesprächs konnte sie ihren Vater später loslassen, und wir haben zusammen eine Verabschiedung vom Verstorbenen gehabt. Zum Schluss saßen wir zusammen an der Bar und haben eine Cola getrunken.

Man macht eigentlich nicht viel - es braucht oft auch nicht viel. Das darf man aber nicht damit verwechseln, dass es einfach wäre. Hinter dem Wenigen, das man tut, steckt wahnsinnig viel. Ich muss alles im Blick haben: die Tochter neben ihrem Vater, aber auch die Polizei, die möchte, dass es weitergehen kann.

Ich muss an den Notarzt denken, weil der wieder weg muss. Das läuft alles nebenbei ab. Man braucht eine fundierte Ausbildung, um das im Kopf alles bearbeiten und dabei trotzdem ruhig wirken zu können.

Unser großer Vorteil als KIT ist, dass wir kommen und Zeit mitbringen. Wenn wir irgendwo hinkommen, hat die betroffene Person oft schon einen Kontakt zu jemandem vom Rettungsteam oder der Polizei. Aber die müssen weiter, weil sie klare Aufgaben in einem durchgetakteten Ablauf
haben.

Für die Menschen da

Wir haben in diesem Ablauf keine Rolle, sondern sind ausschließlich für den Menschen da, für den das Geschehene die ultimative Katastrophe darstellt und für den in diesem Moment die Welt untergeht.

Solche Gespräche zu beginnen fällt leichter, wenn man zu keinem der Systeme am Einsatzort gehört - weder dem persönlichen noch dem der übrigen Einsatzkräfte -, sondern ganz von außen kommt. Die Menschen nehmen mich dadurch oft gar nicht als Person wahr, es geht um mich als KITlerin.

Dass das so ist, wissen wir aus Dankesschreiben von Personen, die wir betreut haben. Beide Seiten wissen in diesen Gesprächen, dass sie sich wahrscheinlich nie wiedersehen werden; das hilft, weil es Hürden abbaut.

Die Leute öffnen sich dadurch leichter, viele erzählen ihre komplette Lebensgeschichte und lassen einen bis ins Innerste gucken. Man kommt ihnen dadurch für einen Moment sehr nahe, ohne dass das mit irgendwelchen Folgen oder weiterführender Verantwortung verbunden wäre. Dieses Wissen schützt beide Seiten und ermöglicht den Dialog oft erst."