« Helfer des ASB begleiten...

23.10.2015

"Paritätische Perspektive Flüchtlinge"

Flüchtlinge haben vielfältige Bedürfnisse: Wie beispielsweise psychisch erkrankten Frauen erfolgreich geholfen werden kann

Die aktuellen Bilder der vielen ankommenden Flüchtlinge können einen falschen Eindruck erwecken: als ob es sich um eine einheitliche Masse handeln würde. Tatsächlich sind die Menschen, die zu uns kommen, sehr unterschiedlich: Akademikerinnen und Akademiker, Analphabetinnen und Analphabeten, Familien, Minderjährige, Traumatisierte, Hoffnungsvolle. So haben die Flüchtlinge auch sehr unterschiedliche Bedürfnisse –und brauchen unterschiedliche Hilfen. Deswegen ist der Paritätische mit seinen Mitgliedsorganisationen besonders geeignet, ein Hilfe-Netzwerk für Flüchtlinge inMünchen zu spannen, wie es unter dem Titel „Paritätische Perspektive Flüchtlinge“ gerade geschieht: Weil  die – gut vernetzte –Vielfalt der Kompetenzen gerade eine Stärke des Paritätischen und seiner Mitgliedsorganisationen ist. Und weil der ParitätischeWohlfahrtsverband für die Unterstützung von Frauen mit Gewalterfahrungen steht, geht es in dieser Pressemitteilung schwerpunktmäßig um jenes Thema.

Frauen auf der Flucht haben oft zusätzliche Probleme. Dazu zählen auch Vergewaltigung, sexuelle Gewalt oder Ausbeutung als Fluchtgrund oder während der Flucht, in Folge dessen auch ungewollte Schwangerschaften. Nicht alle Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, werden psychisch krank; aber es gibt Korrelationen. „Hier braucht es zusätzliche Hilfen, die diesen Bedürfnissen gerecht werden“, sagt Karin Majewski, Geschäftsführerin des Paritätischen in Oberbayern: angefangen bei der Unterkunft bis zu einer guten, verständnisvollen und professionellen Unterstützung. Die betroffenen Frauen brauchen einen leichten Zugang zu entsprechenden Diensten, die Zeit, Know-How und Kapazitäten mitbringen, um vertrauensvolle therapeutische Beziehungen aufbauen zu können. Nötig sind zudem fachspezifische Netzwerke, gute Dolmetscher und ein frauenspezifischer Blickwinkel, der das Erlebte nicht in Frage stellt, sondern annimmt.

Wie gut das gelingen kann, zeigt ein Fallbeispiel aus dem FTZFrauenTherapieZentrum, eine paritätische Mitgliedsorganisation, die langjährige Kompetenzen in der Arbeit mit psychisch erkrankten Frauen hat. Frau B. (35) aus dem Kongo wurde im Dezember 2011 an den sozialpsychiatrischen Dienst des FTZ verwiesen. Damals lebte sie seit knapp einem Jahr in einer Gemeinschaftsunterkunft in München.  Sie leidet zu diesem Zeitpunkt unter schwerer Schlaflosigkeit, Angstzuständen, Niedergeschlagenheit, Ermüdbarkeit, Konzentrationsstörungen und starken Schuldgefühlen. Vor allem in der Nacht drängen sich Erinnerungen an leidvolle Begebenheiten auf, die sie in ihrem Heimatland und auf der Flucht erleben musste.  Die 35-Jährige meidet Situationen, die sie an die erlebte Gewalt erinnern. So löst jeder Kontakt mit der Polizei heftige Panikattacken und quälende Angstzustände aus. In der Folge verlässt Frau B. kaum noch die Gemeinschaftsunterkunft - immer in der Sorge, ein Polizist könnte sie ansprechen und mitnehmen.

Im FrauenTherapieZentrum wird ihr geholfen. Ziel der Beratungsgespräche (die mit einer Dolmetscherin für Französisch stattfinden)  waren eine verbesserte Krankheitsbewältigung, die Erarbeitung von alternativen Strategien zur Affektregulation, Krisenintervention sowie Unterstützung bei der Alltagsstrukturierung, berichtet Dipl. Soz. Päd. (FH) Sybille Auner vom FrauenTherapieZentrum.

„In der ersten Beratungsstunde berichtet Frau B. von den schrecklichen Erlebnissen im Kongo und auf der Flucht, auch von ihrer Schwester, die dabei vor ihren Augen ertrunken ist. Es war ihr ungemein wichtig, dass ich Zeugin ihres Leides wurde und ihre Geschichte anerkannte.“ Erst danach war es ihr möglich, mit  Unterstützung der Beraterin Dissoziationsstopp-und Stabilisierungstechniken zu erlernen und anzuwenden.

Frau Auner arbeitete eng mit der Psychologin und Ärztin aus dem Krisenzentrum zusammen. Ein wichtiges Ergebnis war, dass Frau B. durch die traumaspezifische Psychoedukation einenZusammenhang zwischen ihren Symptomen und der vielen erlittenen Gewalt herstellen konnte: eine große Erleichterung für sie, da sie vorher Sorge hatte, verrückt geworden zu sein. Es gelang ihr immer besser, sich mit Stabilisierungstechniken und Imaginationsübungen wieder in Raum und Zeit zu orientieren und sich selbst aus dissoziativen Zuständen zu lösen. Und das wiederum trug dazu bei, dass sich ihr Empfinden von Selbstwirksamkeit erhöhte – sprich: Sie begann wieder zu spüren, dass sie selbst etwas bewirken kann. Der psychische Gesundheitszustand stabilisierte sich – freilich im Rahmen des Möglichen, da ihr Aufenthalt nach wie vor nicht geklärt war. Die Beraterin regte ihre Vorstellung in der Traumaambulanz an. Dort wurde  eine depressive Störung, eine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung sowie eine dissoziative Störung nach wiederholten und anhaltenden Traumatisierungserfahrungen während der gewalttätigen Unruhen im Kongo und auf der Flucht nach Europa diagnostiziert.

Diese zusätzliche fachärztliche Einschätzung war auch für die Gerichtsverhandlung sehr wichtig. Nach einem Jahr stand fest, dass Frau B. nicht in ihr Heimatland abgeschoben werden kann und sie bleiben darf. Frau Auner: „In der letzten Beratungsstunde bei mir hatte sie für ihre Zukunft fünf Wünsche: Sie wollte Deutsch lernen, in einer eigenen Wohnung leben, einen guten Beruf haben, einen Mann, der sie liebt, und Kinder.“ Heute lebt Frau B. in einer eigenen Wohnung, sie steht kurz vor dem Beginn ihrer Ausbildung zur Kinderpflegerin.

Ihre Geschichte ist eine Erfolgsgeschichte: weil sie Unterstützung für ihre speziellen Bedürfnisse bekommen hat. Die „Paritätische Perspektive Flüchtlinge“ befasst sich eben genau mit den verschiedenen, teils sehr komplexen Bedürfnissen der ankommenden Menschen und wird noch weitere Felder aus diesem Bereich intensiv thematisieren. „Wobei wir auch klar sagen, dass wir nicht nur die Bedürfnisse, also die Hilfs-Bedürftigkeit der Flüchtlinge sehen, sondern auch ihre Fähigkeiten und Kompetenzen: Es geht ja bei den vielfältigen Unterstützungsangeboten gerade darum, dass sie ihre Fähigkeiten entwickeln  beziehungsweise wieder einsetzen können. Es geht um Augenhöhe und um Integration." Denn Flüchtlinge brauchen mehr als die Erstversorgung und ein Dach über dem Kopf, auch wenn diese Frage aktuell stark im Fokus steht: Diejenigen, die bleiben, brauchen Unterstützung für eine gelungene Integration – und zwar möglichst von Anfang an, passgenau und sinnvoll vernetzt.

Das ist auch das zentrale Ziel des Hilfe-Netzwerks „Paritätische Perspektive Flüchtlinge“, das verschiedenste Kompetenzen des Paritätischen und seiner Mitgliedsorganisation bündelt: Beispielhaft seien zum Thema dieser Pressemitteilung Refugio, Condrobs und ASB mit ihren langjährigen Erfahrungen mit Traumatisierung und psychisch Kranken erwähnt. Aber auch die Vereine Frauenhilfe, Frauennotruf und Frauen helfen Frauen, engagieren sich seit Jahrzehnten im Bereich Gewalt gegen Frauen. Neu zum Netzwerk sind nun auch Biss („Bürger in sozialen Schwierigkeiten“) und Avanta (berufliche Integration von Benachteiligten) gestoßen. Der Aufbau geht voran, weitere Projekte sind in Planung: Damit die Herausforderung Flüchtlinge gut gestaltet und zur Bereicherung wird – für alle.

Kontakt: Paritätischer Bezirksverband Oberbayern:karin.majewski@paritaet-bayern.de,  089/30611-130

FTZ Frauentherapiezentrum: christiane.caspary@ftz-muenchen.de, 089/74737075